Berliner Mauer hinter Gittern

Als vor einigen Jahren eine befreundete Fotografin einen Tag an den Resten der Berliner Mauer verbrachte, berührte ein kleines Mädchen die Lippen des Herrn Sacharow. Ein Glückfall (s. Foto) für den Betrachter: Es sieht aus, als ob das Mädchen – fast scheu – Kontakt zu ihm aufnimmt.

Foto: Ira Golenkova, Moskau

Foto: Ira Golenkova, Moskau

Da leider nicht alle Kontaktaufnahmen mit den Bildern auf den Mauerresten so wertschätzend und zärtlich ausfallen, ist nun die Mauer, die einzäunen sollte nun seit Monaten selbst hinter Gittern.

Foto: E. Fesseler

Foto: E. Fesseler

Im ersten Moment muss dies wohl enttäuschend für die Besucher sein: Jedes Foto ist in leichtem Grau kariert, der Weg davor ist eng geworden, ein ungestörtes Betrachten ist nicht mehr möglich. Das Problem sind vermutlich all die Tag’s und Grafitti, die ganzen „I was here“-Inschriften – also Interaktionen mit den Bildern, das Bedürfnis zur eigenen Äußerung, auch Selbstdarstellung, die dieser Mauerstreifen scheinbar in den Besuchern aus aller Welt hervorruft.

Als Berlinerin bin ich oft vorbei geradelt und habe letzte Reste der von mir geliebten Bilder versucht zu erkennen, die mich emotional mit der Vergangenheit, mit dem Mauerfall und dem Gefühl von Aufbruch verbinden. Manchmal war da nichts mehr als ein buntes Gewirr von Zeichen. Weil sich andere Menschen in ihrem persönlichen Erlebnen mit der Mauer auseinandersetzen. Mancher mag das als Schmiererei oder Vandalismus bezeichnen. Aber sind es nicht temporäre Kunstwerke, die ebenso wie die Originale Regen und Wind ausgesetzt sind. Und ist es nicht auch gut so, wenn die Ur-Berliner Melancholie empfinden, dass sich etwas hier ändert, also nicht konserviert wird, sondern normaler Wandel und somit authentischer Teil einer Großstadt ist. Das Problem heißt aus meiner Sicht bewahren – dann sollte vielleicht diskutiert werden für wen: die Touristen, für die bemalte Mauer ein Magnet ist? Die reproduzieren wollen, was sie von der Mauer auf Bildern – Gorbi küsst Honecker – gesehen haben, und was sie nun auch im Original !! gesehen haben müssen, als Beweis, dass sie da waren, dass es existiert, dieses coole Berlin? Oder könnte man nicht auch im Sinne eines unaufhaltsamen Dialogs dem Wandel eines ehemals freien Kunstprojektes vorbehaltlos freien Lauf lassen?

Ich bin noch unentschieden.

Nov. 2016